Lebenslauf von Konrad Scheierling

LEBENSLAUF

geschrieben von Konrad Scheierling

(28.4.1924 Kolut –  3.1.1992 Crailsheim)

Kommentar von Johann Krumpholz

Die politischen Wirren der letzten 20 Jahre mit ihren vielfältigen und grundlegenden Veränderungen nahmen entscheidenden Einfluss auf meinen Lebensgang.

Als Sohn des Schmiedemeisters Lorenz Scheierling mit seiner Ehefrau Theresia, geb. Eckert, wurde ich am 28. 4. 1924 in Kolut (Haus Nr. 545) geboren.

Die Eltern leiteten den Sohn und die um ein Jahr ältere Tochter Marianne schon sehr frühzeitig zum Musizieren mit Akkordeon und Geige an.

Die deutschsprachige Volksschule besuchte ich am gleichen Ort 6 Jahre lang (1931-37).

Der Volksschullehrer Ladislaus Lohner erteilte Konrad auch Unterricht am Harmonium als dieser die Fußpedale noch gar nicht erreichen konnte…

Die Kusinen Katharina und Magdalena, geb. Tittl (Haus Nr. 511), erlebten schon bald die besondere Musikalität von Konrad, u.a. dass er schon als Schüler an der Kirchenorgel Messen mitgestaltete…

„sogar von anderen Kirchengemeinden ‚ausgeliehen‘ wurde“.

Als Privatschüler erwarb ich mir nach einer längeren Lernpause in 2 Jahren (1939-40) die Zeugnisse der 4 unteren Klassen mit mittlerer Reife am serbischen Gymnasium in der Kreisstadt Sombor.

Prof. Wulz aus Kärnten erfuhr in einem „Interview mit Konrad Scheierling“ (ORF/1988): Obwohl dieser für das väterliche Schmiedehandwerk vorgesehen war durfte er als kränkliches Kind weiterstudieren – und Lehrer werden.

Mitschüler Josef Millich (Haus Nr. 212) berichtete: „Als Privatlehrer hatten wir Herrn Professor Szlavicska… Dabei hat der Konrad die Prüfung für 2 Klassen in einem Jahr abgelegt. In Sombor hatten wir Deutsch und Französisch als Fremdsprache. Am Gymnasium in Neu-Werbaß war Deutsch Unterrichtssprache. Fremdsprachen waren Ungarisch, Latein und Französisch.“

Die fünfklassige deutsche Lehrerbildungsanstalt zu Novi Vrbas/Neu-Werbaß, Batschka – wir wurden 1941 wieder zu Ungarn „heimgeholt“ – verließ ich am 19.8.1944 mit dem ungarischen Volksschullehrerdiplom.

Unter dem Einfluss von Deutschlehrer Adalbert Gauß fand Konrad zum Volkslied und sang auch im Chor seines verehrten (später im Krieg gefallenen) Musiklehrers Karl Barbatschi.

… Das Volksliedarchiv in Freiburg vermerkte Konrads erste Liedaufzeichnung bereits  1942…

Nach nur vier Wochen schulischen Einsatzes wurde ich von der Volksschule Kercseliget bei Dombovár, Komitat Schomodei (Somogy, ung.) Ungarn eingezogen (1.10.1944), um bei der deutschen Wehrmacht noch das letzte halbe Kriegsjahr Dienst zu leisten.

Michael Mari (Kolut, Haus Nr. 457) erzählte über seinen Fronturlaub im Mai 1944:
Die vor dem Krieg selbstverständlichen Wochenend-Tanzvergnügen waren untersagt. Das Bedürfnis nach Unterhaltung ließ sich aber nicht unterdrücken. So fanden unsere Tanzabende ohne Tanzkapelle, aber zu der Musik von Scheierling Konrads Akkordeon statt“.

Das Kriegsende sah mich in Schlesien. Durch glückliche Fügung bin ich der russischen Gefangenschaft entronnen. In Oberösterreich fand ich dann meine Angehörigen wieder. In Mettmach bei Ried im Innkreis war ich zunächst Bauernknecht. Ab Oktober 1945 übernahm ich die Betreuung der dortigen Flüchtlingskinder.

Konrad Scheierling erinnerte sich gerne an die „Flüchtlingsschule Mettmach 1945/46″.

Im Herbst 1946 siedelten wir nach Deutschland um und wurden nach Pähl, Kreis Weilheim in Oberbayern verfrachtet. Im Frühjahr darauf unterrichtete ich dort die VS-Klassen 5/6. Krankheitshalber schied ich im Herbst 1947 aus dem Dienst. Da mein Vorhaben an der Musikhochschule  Schulmusik zu studieren, 1948 fehlschlug, kam ich als Musikpräfekt im Jänner 1949 an die VS der Regensburger Domspatzen nach Etterzhausen.

Im nachfolgendem Herbst übernahm ich hier auch die neueröffnete 3. VS-Klasse. Wegen Erkrankung einige Monate später bat ich erneut um den Abschied.  Nach meiner gesundheitlichen Wiederherstellung begann ich im Jänner 1950 in München eine Buchbinderlehre, um später als Berufsberater neben der pädagogischen noch die erforderliche handwerkliche Ausbildung nachweisen zu können. Auch dieses Beginnen schlug fehl.

Trotz gesundheitlicher und beruflicher Rückschläge baute Scheierling seine Kontakte stetig aus, blieb weiter „auf den Spuren vergessener Volkslieder“ und machte „Sammelfahrten“.

Im Herbst 1954 besuchte ich das Singschullehrer– und Chorleiterseminar in Augsburg, um hier mit Erfolg meine staatliche Prüfung zu machen. Jetzt bewarb ich mich als Singlehrer für Mittelschule – leider wieder vergeblich. Nun folgte Hilfsarbeit in einem Spielwarenbetrieb in Fischen am Ammersee. Im Frühjahr 1956 war ich kurzfristig an der VS in Bühlerzell, Kreis Schwäbisch Hall tätig, und musste wieder krankheitshalber unterbrechen.

Nach langer Zwischenzeit holte man mich wieder zurück, man wollte mich unbedingt als Chorleiter und Organist haben. Zuerst arbeitete ich ein Jahr lang als Angestellter bei der BSK Schwäbisch Hall, um dann am 1. 9. 1958 wieder in der Bühlerzeller Schule den Dienst aufzunehmen, dem ich bis heute ohne Unterbrechung gerecht werden konnte.

Am 5. 1. 1960 wurde ich mit der Lehrerin Elisabeth Seifried aus Schwäbisch Hall, hier in Bühlerzell getraut.

Konrad Scheierling, Bühlerzell am 12. 3. 1960


 

Nach Jahren der Suche und Selbstzweifel fand Konrad Scheierling in seiner Frau Elisabeth eine Stütze, mit ihr ein neues Heimatgefühl und Selbstvertrauen als Lehrer, Chorleiter, …  und Vater von vier Töchtern.

Anschließend an Hausbau und Übersiedlung 1968, wurde Crailsheim neue Wirkungsstätte: Eichendorff-Volksschule, kirchliche und weltliche Chöre – dort und auch in Nachbarorten.

1981 gründete der „eifrige Chorleiter“ gemeinsam mit ehemaligen Mitschülern der Lehrerbildungsanstalt Neu-Werbaß den ‚Donauschwäbischen Sing- und Musizierkreis‘.

Als „Forscher“ geistlichen und weltlichen Volksgutes hatte Scheierling sich durch Liederbücher, wissenschaftliche Aufsätze, Rundfunkaufnahmen, usw. mittlerweile einen „bekannten Namen“ gemacht. Er wurde zu einem der wichtigsten Mitarbeiter des Deutschen Volksliedarchives in Freiburg im Breisgau, der Arbeitsstelle für internationale Volksliedforschung. Zahlreiche Veröffentlichungen – von & mit ihm & über ihn – wiesen ihn auch in Fachkreisen als profunden Kenner aus.

Wie sehr das umfassende Engagement des „Pädagogen“ und donauschwäbischen Experten geschätzt wurde, zeigt ein Artikel im Hohenloher Tagblatt im Dezember 1982: „Kulturpreis geht an einen Crailsheimer Lehrer“. 1986 ging Scheierling, dem neben  der Wissensvermittlung besonders die Herzensbildung wichtig war, in Pension… aber nicht in den Ruhestand. ;-)

Im April 1991 erläuterte der ‚Volksliedfanatiker‘ im „Letzten Interview“, mit Prof. Metz, seine Liederforschung seit 1942 bis zur Drucklegung 1988/1990 seiner aus 2300 Liedern bestehenden Sammlung „Geistliche Lieder der Deutschen aus Südosteuropa“ in sechs Bänden.

Krönung des Lebenswerkes von Konrad Scheierling war sicher der dafür von der Künstlergilde Esslingen verliehene „GEORG-DEHIO-PREIS“ (für Kulturgeschichte) im  Mai 1991.

Am 3.1. 1992 starb der scheinbar Unermüdliche überraschend für viele seiner Freunde nach kurzer, schwerer Krankheit an Krebs. Eine unübersehbare, möglicherweise die größte am Crailsheimer Friedhof gesehene Trauergemeinde erwies ‚ihrem Konrad‘ die „Letzte  Ehre“.

1994 veröffentlichte seine Witwe, Elisabeth Scheierling ‚Wohlauf und lasst uns singen all‘, aus dem Nachlass und im Eigenverlag, rund 150 Chorsätze, gesetzt von Konrad Scheierling:

„Zum 70. Geburtstag
meines verstorbenen Mannes
– und im Andenken an ihn –
möchte ich ein Vermächtnis weitergeben,
das Chören zur Bereicherung dienen kann“.


 

Es sind über 6000 Lieder,
die er aufspürte, von denen die schönsten veröffentlicht wurden.

 

 

©Johann Krumpholz, Braunau am Inn, 2010
j.krumpholz@ktv-one.at

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