Nachruf an Konrad Scheierling

DANK

AN KONRAD SCHEIERLING

(28.4.1924 Kolut –  3.1.1992 Crailsheim)

Nachruf von Kurt Becher (Heimatpflege-Landesverein Bayern)

Zu den großen deutschen Lied-Sammlern und -Bewahrern des 20. Jahrhunderts wird man künftig den Mann zählen, der am 10. Januar 1992 in Crailsheim von einer riesigen Menschenmenge aus nah und fern zur letzten Ruhe geleitet wurde: Konrad Scheierling. Bei der Aussegnung, am Grabe und beim Gottesdienst sangen zahlreiche Chöre fromme Lieder, die er vor dem Vergessen gerettet und ihnen nahegebracht hatte; der Ortspfarrer, Kollegen der Volksschule, Freunde und Nachbarn aus seinen letzten Wohn- und Dienstorten versuchten ebenso ihren Dank abzustatten wie Nachbarn und Schulkameraden aus den ehemaligen deutschen Siedlungen in Jugoslawien und Ungarn, denen er mit seinen Liedaufzeichnungen ein bleibendes Denkmal gesetzt hat.

Um Scheierlings Leistung würdigen zu können, muss man seinen Lebensweg beschreiben, der in seiner Härte und Ruhelosigkeit, in seinen Enttäuschungen und mühsam errungenen Erfolgen exemplarisch ist für das Schicksal vieler des europäischen Ostens und Südostens, denen die angestammte Heimat zwar genommen, aber nicht aus dem Herzen gerissen werden konnte.

Konrad Scheierling stammt aus der Batschka, jener Landschaft zwischen unterer Theiß und Donau, die tausend Jahre zum Königreich Ungarn gehört hatte, bevor sie nach dem Ersten Weltkrieg größtenteils zu Jugoslawien zugeschlagen wurde. Nach den Türkenkriegen des 18. Jahrhunderts waren vorwiegend deutsche Siedler, von den Ungarn „Schwaben“ genannt, in das menschenleere Gebiet geströmt und hatten es zu einer Kornkammer gemacht.

In einem dieser Dörfer, in Kolut, wurde Konrad 1924 als Sohn eines Schmiedemeisters geboren und konnte eine deutsche Volksschule besuchen – ein großer Fortschritt nach den rücksichtslosen Madjarisierungsbestrebungen der letzten Ungarnzeit. Ja, nach der mittleren Reife in einem serbischen Gymnasium in Sombor fand er sogar Aufnahme in der einzigen deutschen Lehrerbildungsanstalt Jugoslawiens – in Neuwerbaß, Batschka -, die er im August 1944 mit dem Volksschullehrerdiplom verließ.

Aber inzwischen hatte Hitler im April 1944 auch Jugoslawien überfallen, die Batschka war wieder Ungarn zugeschlagen worden und Scheierling erhielt daher seinen ersten Posten an einer Volksschule in der „Schwäbischen Türkei“ – in Kercseliget. Er wurde jedoch schon nach 4 Wochen zur deutschen Wehrmacht eingezogen: die Russen standen bereits in Rumänien. Das Kriegsende erlebte er als Soldat in Schlesien. Von dort schlug er sich auf Umwegen nach Oberösterreich durch, wo er seine Angehörigen  wiederfand. In Mettmach (bei Ried im Innkreis) gab er Flüchtlingskindern Unterricht – aber auch hier nicht lange: 1946 wurden die „unerwünschten Flüchtlinge“ nach Bayern weitertransportiert, wo er in Pähl bei Weilheim immerhin länger wohnen konnte und zeitweise auch in der Volksschule unterrichtete.

Da aber sein „ausländisches Lehrerdiplom“ in Bayern nicht anerkannt wurde, versuchte er verzweifelt – neben Zwischenbeschäftigungen als Bauernknecht, Hilfsarbeiter und Buchbinderlehrling – diesen „Mangel“ auszugleichen:

Vergebliches Aufnahmegesuch an die Münchner Musikhochschule, Tätigkeit als Musikpräfekt bei den Regensburger Domspatzen, staatliche Prüfung am Augsburger Singschullehrer- und Chorleiterseminar seien erwähnt. Schließlich gab er die Hoffnung auf und ging 1956 nach Württemberg.

Er fand in Bühlerzell, Kreis Schwäbisch Hall, an der Volksschule zunächst probeweise, dann 1958 eine feste Anstellung, so dass er 1960 endlich an eine Familiengründung denken konnte. 1968 zog er mit Familie ins eigene Heim nach Crailsheim und war dort noch weitere 18 Jahre an der Volksschule tätig, bis er 1986 als Oberlehrer in Pension ging.

Ebenso zielbewusst, wie Konrad Scheierling trotz Widrigkeiten an seiner Berufung, Erzieher der Jugend zu sein, festhielt – und die Dankbarkeit seiner Schüler beweist, wie er mit seiner ganzen Person dahinterstand – ebenso klar sah er von Jugend an eine besondere Lebensaufgabe vor sich: die Lieder der Heimat aufzuzeichnen und zu neuem Leben zu erwecken. Die Liebe zur Musik war ihm „in die Wiege“ gelegt worden. Schon als Bub lernte er Orgelspielen im Heimatdorf, und auf der Lehrerbildungsanstalt ermutigten ihn verständnisvolle Lehrer in den Ferien Lieder aufzuzeichnen – wobei seine Eltern zu seinen ersten und zuverlässigsten Gewährsleuten zählten. Leider sind diese Aufzeichnungen in den Wirren des Kriegsendes untergegangen.

Aber schon in Mettmach begann Scheierling erneut mit dem Sammeln und setzte es dann in Bayern und Württemberg unermüdlich fort, wobei er oft den letzten Pfennig für Reisen zu Gewährsleuten ausgab. Er wollte zeigen, dass die Heimatvertriebenen doch wenigstens einen kulturellen Reichtum vorzuweisen haben. Er  sammelte nicht für die Archive, sondern um die Lieder zu neuem Leben zu erwecken, was ihm in erstaunlichem Maße gelang. Sein Pähler Singkreis bestand nicht nur aus Heimatvertriebenen der verschiedensten Herkunftsländer, sondern zog auch Einheimische an. Die bisher unbekannten Lieder fanden großen Beifall, auch über den Bayerischen Rundfunk.

Dass dann in der ganzen BRD dieses kostbare Gut der Deutschen aus dem östlichen Europa bekannt wurde, dafür sorgte das 1955 erschienene Liederbuch von Konrad Scheierling ‚Ich bin das ganze Jahr vergnügt‘ (Bärenreiter-Verlag, Kassel), das besonders von der Jugend freudig aufgenommen wurde. Später folgten die schmalen Bändchen ‚Lob Gott mein Harfenspiel‘ (Fidula, Boppard 1961) mit geistlichen Liedern, und ‚Erfreue dich Himmel‘ (Möseler, Wolfenbüttel 1972) ausschließlich mit Weihnachtsliedern – wahre Schatztruhen, die noch lange nicht ausgeschöpft sind! Dazwischen erscheinen regionale Sammlungen in der Reihe „Landschaftliche Volkslieder“ (bei de Gruyter, Berlin): ‚Deutsche Volkslieder aus der Schwäbischen Türkei‘ (1960) und ‚Deutsche Volkslieder aus Hohenlohe‘ (1962), und schließlich als praktisches Gebrauchsliederbuch ein ‚Donauschwäbisches Liederbuch‘ (Sindelfingen/Straubing 1985).

Das Werk aber, das den Namen Scheierling ins nächste Jahrtausend tragen wird, erschien 1987-1990 (Gehann-Verlag, Kludenbach): die 6 Bände ‚Geistliche Lieder der Deutschen aus Südosteuropa‘. Es enthält nicht weniger 2208 Titel – die Varianten nicht mitgezählt. Wobei das bereits in großen Sammelwerken vorliegende Liedgut der Gottschee und Siebenbürgens bewusst ausgeklammert blieb. Im Quellenverzeichnis sind, getrennt nach Herkunftsorten, 124 Sänger und Sängergruppen genannt, die ihre zahlreichen Lieder meist Scheierling persönlich vorgesungen haben, ferner 178 schriftliche Quellen, darunter handschriftliche Lieder- und Orgelbücher, aber auch seltene Druckwerke und Flugblätter.

Scheierling sammelte Liedgut aus vielen Jahrhunderten. Wie man heute bei einem fränkischen Volkslied sagt „das steht bei Ditfurth“, oder bei einem altbayerischen Weihnachtslied „das findest du bei Hartmann-Abele“, wird man künftig sagen „das steht bei Scheierling“, wenn nach einem Lied aus dem Osten gefragt wird.

Welch ein Glück, dass ihm die Vollendung dieses großartigen Werkes  noch vergönnt war!

Für den Bayerischen Landesverein für Heimatpflege, der bei seinen Volksmusiklehrgängen von Anfang an das Liedgut der deutschen Sprachinseln nach Möglichkeit mit einbezogen hat, war es, als er sich an eigene „Studienwochen Geistliches Volkslied“ heranwagte, selbstverständlich, Konrad Scheierling um Mitarbeit zu bitten. Unvergessen für alle Teilnehmer, wie er auf der ersten Studienwoche (1982 im schwäbischen Reichsstift Irsee) begeistert von seinen Bemühungen um das geistliche Liedgut der Wolgadeutschen berichtete, das er aus Argentinien bekommen hatte!

Nicht weniger eindrucksvoll waren seine Beiträge in den Studienwochen 1984 und 1986 auf dem Schwanberg in Unterfranken. Aber auch bei Seminaren für Volksliedforschung und –pflege wirkte er mit (Babenhausen 1989 und Berching 1991), wobei es für ihn immer selbstverständlich war, nicht nur theoretisch über seine Sammelarbeit zu berichten, sondern die Lieder mit den Teilnehmern praktisch zu erarbeiten und wieder lebendig werden zu lassen. Die Volksmusikberatungsstellen des Landesvereins in Altbayern, Franken und Schwaben haben dankbar das weitergegeben, was Konrad Scheierling bereitwilligst vermittelt hat.

Viele Sänger und Musikanten werden es vielleicht nie erfahren, dass sie die Weiterexistenz zahlreicher Lieder, die ihnen inzwischen ans Herz gewachsen sind, nur einem Mann verdanken:

Konrad Scheierling

Alle aber, die ihn persönlich kennenlernen durften,
werden ihm ihre Dankbarkeit übers Grab hinaus bewahren.

 

Kurt Becher, München 11.1.1992,
Bayerischer Landesverein für Heimatpflege
(z.Vgl.: ‚Gerhardbote‘, 38. Jg., Nr.11/12, 1993)
(z.Vgl.: ,Volksmusik in Bayern‘, 9. Jg., München 1992)