Bücherschau – Heimat auf Zeit

Elisabeth Salvador-Wagner (Hrsg.): HEIMAT AUF ZEIT –

Das volksdeutsche Flüchtlingslager Haiming 1946-1960, Innsbruck 1996.

206 Seiten mit 144 Abbildungen, 12 Faksimiles, 3 Karten und 24 Tabellen, Broschur.

ISBN 3-8030-0291-3, € 28,- || Universitätsverlag Wagner, Postfach 165, A-6010 Innsbruck.

Im Herbst 1944 wurden evakuiert bzw. begaben sich auf die  Flucht vor der Roten Armee mehr als zweihunderttausend Volksdeutsche aus Südosteuropa. Viele von ihnen wurden nach  Österreich dirigiert. Die in Jugoslawien seit zwei Jahrhunderten lebenden Donauschwaben wurden verfolgt, enteignet und in Arbeits- und Todeslager geworfen. 64.000 fielen dem Völkermord zum Opfer. Die Menschen flüchteten, soweit möglich, aus den Lagern,  dies vor allem 1947, um ihr Leben zu retten, und schlugen sich über Ungarn nach Österreich und Deutschland durch.

Die Situation der Volksdeutschen in Österreich war nach Ende des Krieges vor allem deshalb schwierig, weil die internationalen Organisationen ihre Betreuung ablehnten und ihre Stellung als Staatenlose bzw. Menschen „ungeklärter Staatsbürgerschaft“ sie rechtlich stark einschränkte. Im Vergleich zu den östlicheren Bundesländern Österreichs nahm das französisch besetzte Tirol relativ wenige Flüchtlinge auf.  Von ihnen kamen 1946 etwa 1200 nach Haiming, einem Ort im oberen Inntal, zwischen Imst und Telfs bei der Einmündung des Ötztals in das Inntal gelegen. Neben dem Ort Haiming befanden sich verwahrloste Baracken, die während des Krieges Zwangsarbeitern und Kriegsgefangenen als Unterkunft gedient hatten.  Hier entstand ein Flüchtlingslager, das schon wenige Monate nach Ankunft der ersten Flüchtlinge wegen seiner gepflegten Anlagen und der Einsatzfreude seiner Bewohner als Modellager galt.

Für die mustergültige Darstellung dieses Lagers ist Frau Elisabeth Salvador-Wagner, die selbst im Lager einen Teil ihrer Kindheit verbrachte, ein hohes Lob zu zollen. Sie hat offenbar die gute Aktenlage der Archive (vor allem das MAE/C = das Archiv des französischen Hochkommissariats für Österreich des französischen Außenministeriums in Colmar) aber auch die mündliche Überlieferung in Form von Interviews (meist aus 1995) vormaliger Lagerinsassen vortrefflich ausgenützt, um eine datenreiche, präzise und mit vielen zeitgeschichtlich interessanten Details angereicherte Arbeit zu liefern. Eine vergleichbare Arbeit über eines der zahlreichen Lager der Großräume Wien, Linz, Salzburg und Graz liegt unseres Wissens nicht vor. Insofern ist das Buch ein Sonderfall sowohl der Zeitgeschichte als auch der donauschwäbischen Geschichte und überhaupt der Integrationssoziologie.

Tirol war französische Besatzungszone, und daher hatte das Flüchtlingslager von Frühjahr 1946 bis zum 1. Juli 1950 eine französische Lagerleitung. Diese schuf unter der Leitung von Raymond Ghyoot schon bald eine gut funktionierende Infrastruktur, die nicht nur die Grundbedürfnisse der Lagerbewohner abdeckte, sondern auch Bildungseinrichtungen und kulturelle Angebote einschloss.

Die Flüchtlinge waren sowohl im kirchlichen Leben als auch im aufblühenden Vereinswesen sehr engagiert. Dankenswerter Weise hat die Autorin auch die etwas schwer zugänglichen Biographien vom späteren Prälaten Johann Grieser (S. 107ff.) und dem evang. Pfarrer Daniel Diel (S. 122ff.) ausreichend skizziert.

Es bildeten sich aber auch zwei Chöre, eine Volkstanz- und eine Theatergruppe, und für die Kinder und Jugendlichen entstanden Pfadfindergruppen. Die vielfältigen sportlichen und kulturellen Veranstaltungen – Kino, Faschingsbälle, Kirchweihfeiern, sogar Dichterlesungen – machten das Lager bald auch zu einem Anziehungspunkt für die Menschen aus den umliegenden Dörfern. Der Sportverein des Lagers bestand aus mehreren Sektionen, und die Fußballmannschaft „Weiße Elf“ gelangte 1950 im Tiroler Oberland sogar an die Tabellenspitze.

Beeindruckend, teils auch berührend die Schilderung der konkreten Mühsal alleinstehender, verwitweter Mütter, die mehrere Kinder zu versorgen hatten, sowie der beispielhafte Abschnitt über die Probleme der sozialen Sicherung in den Anfangsjahren. Ein aufschlußreiches Schlaglicht auf die Unterprivilegierung der Heimatvertriebenen bietet u.a. die minutiöse Beschreibung der Schulsituation – sogar Schulgeld mußten die Eltern der Grundschulkinder in den Anfangsjahren entrichten.

Seit 1951 sank die Zahl der Lagerinsassen rasch. Viele entschlossen sich zur Auswanderung nach Deutschland, Frankreich, in die USA, nach Kanada, Südamerika oder Australien. Nachdem die arbeitsrechtliche Gleichstellung der Volksdeutschen mit den Österreichern 1952 und der Erwerb der Staatsbürgerschaft ab 1954 gesetzlich gesichert worden waren, siedelten sich viele auch in Tirol an. Etwa 2000 Menschen haben zwischen 1946 und 1960 im Flüchtlingslager Haiming vorübergehend  „Heimat auf Zeit“ gefunden.

Das Buch besticht auch durch seine reiche Illustration anhand der in Privatbesitz befindlichen Fotos sowie durch die ausgezeichnete Qualität der Reproduktion. Auszusetzen gibt es wenig. Eine Karte Tirols für den geographisch weniger Bewanderten wäre sicher nützlich gewesen. Auch hätte ein Personen-, Orts- und Sachverzeichnis dem wissenschaftlich Forschenden gute Dienste geleistet. Bei den Fluchtberichten (19f.) hätte man orientierungshalber gerne gewußt, von welchem Ort die Betroffenen geflüchtet sind.  Auf S. 109 sollte es statt „Mantini“ wahrscheinlich „Montini“ heißen, da kaum jemand anderer als der nachmalige Papst Paul VI. gemeint sein dürfte. Das Gelöbnis, bei Überleben der Lager jährlich eine Wallfahrt zu machen, wurde den Lagerinsassen in Gakowo und Rudolfsgnad unseres Wissens 1946 nur von Pater Wendelin Gruber SJ abgenommen, nicht aber von Pfarrer Grieser (vgl. S. 108). Anders als in Anmerkung 10, S. 197, behauptet, wurde in Altötting u. W. von den Donauschwaben aus Jugoslawien, die die Lager überlebten, keine Wallfahrtskapelle errichtet, und findet die jährliche Gelöbniswallfahrt nach Altötting nicht im Herbst, sondern am 2. Sonntag im Juli statt. Die angeführten notwendigen Retuschen schmälern indes nicht den Wert des Buches, das mit seinen zehn Kapiteln in seiner Art für österreichische Dokumentations-Verhältnisse sicherlich einen Sonderstatus einnimmt.

                                               Dr. Georg Wildmann, Linz/Donau 1997

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