Flüchtlingslager Haiming 1946-1960

FLÜCHTLINGSLAGER HAIMING 1946-1960

Die Rolle der Kirche

Die Bedeutung, die der Glaube im Leben der volksdeutschen Flüchtlinge hatte, muss sehr hoch eingeschätzt werden. Einerseits waren sie geprägt durch ein traditionell christliches Weltbild und in ihrem Lebensrhythmus eingebunden in das Kirchenjahr, andererseits hatten die traumatischen Erfahrungen von Vertreibung und Flucht ihnen fast alles genommen, was dem Menschen innere Sicherheit gibt. Der Verlust von Heimat, Existenz und Identität konnte mit Hilfe des Glaubens leichter ertragen werden.

Der vertraute Ablauf der kirchlichen Feiern, die Gebete, die Lieder gaben den Menschen das Gefühl, dass in einer Welt, in der für sie alles zusammengebrochen war, die Kirche Bestand hatte und den Gläubigen Halt geben konnte. Das kirchliche Leben war sehr lebendig und durch die starke Teilnahme der Gläubigen geprägt. Die Unterschiede der Bekenntnisse spielten jedoch im Zusammenleben der Lagerbewohner keine Rolle. Von den ca. 1100 Lagerbewohnern waren drei Viertel katholisch und nahmen regen Anteil am kirchlichen Leben. So fand z.B. eine Fronleichnamsprozession mit 600 Gläubigen statt.

Seelsorger, wohnhaft im Lager Haiming 1948-1962

Das Bedürfnis nach religiöser Betätigung wurde durch den Wechsel der Geistlichen – der innerhalb von zwei Jahren dreimal erfolgte – nicht ausreichend befriedigt. Die Katholische Kirche erhielt erst die bestimmende Stellung, als Johann Grieser (1913-1992) Lagerseelsorger wurde.

„Viele waren sehr froh“, als die Apostolische Administratur Innsbruck Johann Grieser beauftragte, die Flüchtlingsseelsorge im Lager Haiming ab 1. August 1948 zu übernehmen. Dies und die Bevollmächtigung „sich seiner Landsleute im Bereiche Innsbruck – Feldkirch in seelsorglicher Hinsicht soweit als notwendig und möglich anzunehmen“, wurde vom Französischen Hochkommissariat, Section Personnes Déplacées et Réfugiés, bestätigt. Ein Jahr später wurde Johann Grieser Prodekan – und mit den Vollmachten als „hauptamtlicher Flüchtlingsseelsorger für die Volksdeutschen“ in Tirol ausgestattet. Die Tätigkeit des Lagerpfarrers fand im Rahmen der Pfarre Haiming und bei Trauungen im ‚Auftrag des Pfarrers von Haiming‘ statt. Ansonsten aber war der Lagerseelsorger völlig autonom.

Als Religionslehrer unterrichtete Grieser in der Lagerschule von September 1948 bis zu deren Auflösung mit dem Ende des Schuljahres 1955/56.

Grieser war ein charismatischer Prediger, der die Zuhörer in seinen Bann zog und den festen Willen hatte, die Lagergemeinde zu lenken und zu leiten. So war er imstande, innerhalb kurzer Zeit eine bedeutende Rolle im Lager zu übernehmen. Mit der Bereitschaft, als geistlicher Hirte seine Gläubigen, auf den richtigen Weg zu führen, verband sich auch ein großer Machtanspruch, der zu Konflikten mit der französischen Lagerleitung, mit Lehrern, mit den Vertretern der evangelischen Kirche führte, aber auch zu mancher Auseinandersetzung mit Lagerbewohnern. Sein Engagement beschränkte sich nicht auf religiöse Bereiche, er galt auch wegen seiner regelmäßigen großzügigen Spenden als wichtigster Förderer des Sportvereins und gewann so auch die Herzen der weniger Frommen. Als großer Wohltäter erschien er den Leuten, seit er den Kontakt zur Caritas Tirol hatte und selbst die Verteilung der Spenden beaufsichtigte, wenn auch so manche Familie leer ausging, die sich nicht nach seinen Vorstellungen in die katholischen Gemeinde einfügte.

Pfarrer Grieser wurde dennoch als einflussreichste und bedeutendste Persönlichkeit des Lagers von den Mitbewohnern respektiert.

Sein besonderes Anliegen war die Gestaltung der Lagerkirche. Sie bestand schon seit den Lageranfängen: ein großer Raum in der Baracke 8 – mit 37 Bänken, 2 Tischen, 2 Stühlen – einem Vorraum und einer Sakristei. Allerdings gab es keinen Glockenturm, also auch keine Kirchenglocke. Bald nach seiner Ankunft im Lager setzte sich Pfarrer Grieser für den Turmbau ein und rief die Gläubigen auf, durch Spenden den Kauf der Glocke zu ermöglichen. Der Turm wurde im Zuge der Umbauarbeiten an verschiedenen Baracken errichtet, und der notwendige Betrag für den Ankauf einer Glocke war bald beschafft. Allein der Sportverein Ötztal spendete 417,55 Schilling. Die Glocke wurde von der Firma Grassmayr in Innsbruck gegossen und erhielt die Aufschrift: „Maria beschütze uns“.

Am 15. Mai 1949 wurde die Einweihung der Lagerglocke mit großer Pracht gefeiert.  Bischof Paulus Rusch zelebrierte die Messe und gleichzeitig die Firmung in Anwesenheit zahlreicher Gäste – Colonel Moreigne, Monsieur l`Administrateur Thibaud, Chef der Sektion PDR, Offizieren das DFL Imst und des Bezirkshauptmanns von Imst, aber auch hochrangiger Pfadfinder, da aus diesem Anlass ein großes Pfadfindertreffen veranstaltet wurde. Vor allem die Anwesenheit des Bischofs war ein Zeichen des Mitgefühls und der Anerkennung den Flüchtlingen gegenüber, das diese sehr hoch schätzten.

Da die Marienverehrung bei den Donauschwaben besonders ausgeprägt war, wollten die Lagerbewohner auch in ihrer Kirche eine Marienstatue haben. 1952 brachte Pfarrer Grieser von einer Reise nach Portugal eine Fatima-Madonna mit. In einer abendlichen Lichterprozession begleiteten die Gläubigen ‚ihre Muttergottes‘ feierlich ins Lager. Sie wurde auf dem Altar, einem einfachen Holztisch aufgestellt.

Die Lagerkirche war Zentrum vielfältiger Aktivitäten. Wenn am Sonntag beim Hochamt der Kirchenchor sang und Pfarrer Grieser wortgewaltig seine Gläubigen mahnte, ein gottgerechtes Leben zu führen, Weihrauch aus dem Fässchen der Ministranten aufstieg und ihre Glöckchen, nicht immer im richtigen Augenblick, klirrten, was ihnen einen bösen Blick des Pfarrers eintrug, dann vergaß man, dass man in einer Barackenkirche war. Wenn zu Ostern das heilige Grab erstrahlte, zu Weihnachten hohe Fichten den Altar einrahmten, zur Erstkommunion unzählige Blumen die Kirche schmückten, wenn zu Allerheiligen die Kirche zur Gedenkstätte für die Toten wurde, deren Gräber für immer verlassen waren, dann war in diesem einfachen Raum Platz für tiefe Gläubigkeit.

Da die Zahl der Lagerbewohner schon sehr klein geworden war, wurden die Lagerkirche und die Pfarrerwohnung 1958 in die Baracke 5 verlegt. Pfarrer Grieser wurde 1962 (bisher Kalocsa zugehörig)  in die Diözese Innsbruck-Feldkirch aufgenommen und verließ als einer der letzten das Lager. Die Glocke der Lagerkirche wurde von ihm der Pfarre Roppen übergeben und am 7.10. 1962 zusammen mit der Kapelle zum Heiligen Nikolaus von der Flüe, dem Friedensheiligen, geweiht.

So läutet die Lagerglocke

 – von Menschen gestiftet, denen der Krieg so viel genommen hatte –

heute noch für den Frieden in dieser Welt.

Elisabeth Salvador-Wagner, Innsbruck

(aus ‚HEIMAT AUF ZEIT – Das volksdeutsche Flüchtlingslager Haiming 1946-1960‘ Universitätsverlag Wagner, Innsbruck 1996)