PRIVATAUDIENZ BEI PAPST PIUS XII.

PRIVATAUDIENZ BEI PAPST PIUS XII.

„Das war der angekommene Hilfeschrei unseres Volkes“. So beschreibt Prof. Grieser sein erfolgreiches Durchkämpfen, im Frühling 1946, nach „Flucht aus dem großen Partisanenlager Neusatz“ und abenteuerlicher Reise bis zum Papst. „Es reihten sich Wunder an Wunder“, wie er nach Ungarn über den Erzbischof von Kalocsa zum Kardinal in Budapest gelangte, mit vielen Empfehlungen nach Wien weitergereicht wurde, endlich in Rom ankam, die Unterstützung ungezählter Helfer fand und „… es gelang, die Weltöffentlichkeit von der Tragödie der Inhaftierten in den sieben Tito-Todeslagern zu informieren“.

Die Nachricht von der Behandlung der Volksdeutschen durch das jugoslawische Nachkriegsregime dürfte die erste weltweite Verbreitung durch die Berichte erfahren haben, die Prof. Grieser (1913-1992) an die Öffentlichkeit brachte. Seine persönliche Schilderung ist recht aufschlussreich:

„Ich war eigentlich der erste, der aus dem Lager floh, und das wirbelte nicht wenig Staub auf. Später berichteten darüber meine Kollegen mit denen ich einst im Lager saß. Als ich schon ein Jahr in Rom war, klangen die Flüche der Partisanen noch immer in meinen Ohren. Mein damaliger Lagerkommandant soll erklärt haben: ‚Diesem Pfaffen habe ich nie recht getraut, aber er tat das, was ich auch an seiner Stelle getan hätte!‘

Ich kam zuerst nach Kalocsa, wo mich Erzbischof József Grősz väterlich aufnahm. Ich wohnte bei dem früheren Abt von Apatin, Dr. Jakob Egerth. Dort schon merkte ich, dass man über das Los der Schwaben wenig wusste, und blitzschnell fasste ich den Entschluss, nach Rom zu gehen, um in Rom Verbindung mit der Welt zu bekommen. Dieser Wunsch wurde jetzt auch noch von höchster Stelle gebilligt.

Den ersten großen, schriftlichen Bericht erstattete ich Kardinal Mindszenty, der mich in Budapest wiederholt empfing. Sehr ging mir dort der Jesuitenpater Raile vermittelnd zur Hand. Auch der Kardinal war dafür, dass ich nach Rom gehe, um dort mit der Weltpresse Fühlung zu bekommen, und er gab mir auch die besten Empfehlungen mit auf den Weg. Mein Programm war fix, der Weg weit und die Zukunft ungewiss.

Ohne irgendein Reisedokument machte ich mich auf den Weg. Durch ganz Österreich ging alles glatt, da deckte mich die Empfehlung von Kardinal Innitzer. Aber am Brenner lief ich einem österreichischen Gendarmen schnurgerade in die Arme, als ich schwarz die Grenze überqueren wollte. Ich rückte mit der Farbe heraus, sagte wer ich bin und was ich vorhabe. Er war am Schicksal unseres Volkes sichtlich interessiert. Da fiel auch der Name Palanka … Sofort nannte er mir einige Namen, die ich natürlich alle kannte. Es stellte sich heraus, dass er als deutscher Soldat durch Palanka kam und über die Güte dieser Menschen voll des Lobes war. Natürlich verhaftete er mich nicht, aus Dankbarkeit einem Volk gegenüber, das auch ihm Gutes getan hatte. Er hatte von uns aus mal einen Schinken, etwas Speck und Stoff nach Hause seinen Angehörigen schicken können und hatte das alles in bester Erinnerung.

Auf italienischem Boden war ich sicher, denn ein Italiener wird einem Priester kaum etwas zuleide tun. Ich machte in Brixen nur deswegen halt, weil ich mal schlafen und Geld umtauschen wollte. Vom Bahnhof auf dem Wege zur Stadtmitte begegnete ich einem Mitbruder, der mich in ein Palais mitnahm. Er war der Kanzler des Fürstbischofs Johann Geißler. Damals (1946) waren Flüchtlinge noch rar gesät. –

Kurz und gut, ich wurde auch dem Fürstbischof selbst vorgestellt. Im Laufe des Gespräches stellte sich heraus, dass er Schulkamerad des Apatiner Abtes Dr. Egerth war!

3 Tage musste ich als Gast in der Burg bleiben, dann ging es weiter nach Rom. Alles finanzierte Seine Exzellenz, der Bischof. Nach wie vor bin ich nie mehr so nobel gefahren: 1.Klasse Express!

Rom ist die Stadt der Welt. Durch sie führen die Straßen dreier Jahrtausende. Altertum, Mittelalter, Neuzeit – alles ist in Rom. Nach Rom und zum Papst kommen, ist ein Wunsch von Hunderttausenden, der aber oft nur ein Traum bleibt. Ich sah den Papst bald, aber zu einer Privataudienz benötigte ich einige Monate.

Zuerst war ich auf der Suche nach einer Wohnung. Einige Tage hielt ich mich bei einem Karmeliterpater auf, der in Sombor mein Schulkamerad war: P. Marković aus Batsch-Monoschtor. Anschließend siedelte ich in das Generalat der Salvatorianer über und befand mich so schon auf vatikanischem Exterritorialgebiet. Von hier aus startete ich meine Unternehmungen. Den Patres muss ich dankbar nachrühmen, dass sie mir entscheidend halfen.

Tage und Nächte saßen wir an den Schreibmaschinen. Alle Texte wurden in 6 Sprachen übersetzt und in alle Welt gesendet. Früh wurde ich schon mit einigen Jesuiten vom Sender Vatikan bekannt, die auch das Ihrige taten. Durch einen ungarischen Jesuiten aus Kalocsa kam ich zu P. Robert Leiber, dem Geheimsekretär des Papstes Pius XII. Er beauftragte mich, einen Bericht ausschließlich für den Papst auszuarbeiten. Das machte ich gemeinsam mit Dr. Raimund Amann aus Apatin, der damals mit seinem Bruder am Germanikum in Rom studierte. ‚Mehr als 20 mit Maschine geschriebene Seiten dürfen es nicht sein‘ – lautete der Befehl … Ich wusste genau den Tag und die Stunde, da der Papst diesen Bericht auch las. Und dann kam die erste große Privataudienz.

Am 17.12.1946 wurde ich, 3 Wochen nach meinem schriftlichen Bericht empfangen. Wir waren damals 12 Minuten allein mit den Sorgen und Problemen unseres Volkes zusammen. Ich war erschüttert, wie bekümmert er um alles war, aber auch überrascht über das einmalige Gedächtnis dieses großen Mannes. 5 Minuten regnete es Fragen. Es ist unglaublich, was ihn alles interessierte. Bei einer Frage wollte ich weiter ausholen, damit er mich auch gut verstehe, da sagte er lächelnd: ‚Das brauchen sie nicht zu tun, ich kann mich erinnern, das in Ihrem Referat gelesen zu haben …‘ Gelesen hatte er das vor gut 3 Wochen!

Schon am anderen Tag nahm er Verbindung auf mit den aus England, Frankreich und USA akkreditierten Gesandten. Worüber da gesprochen wurde, kann ich nicht wissen, dass aber von uns die Rede war, dürfte außer Zweifel sein, da alle 3 Botschaften von mir Unterlagen verlangten, die sie auch bekamen. Von jenen Tagen her datiert auch meine Freundschaft zu Jean Jaques Maritain, der damals Frankreich beim Hl. Stuhle vertrat.

In einer amerikanischen Zeitung erschien auch ein Foto von mir mit der Überschrift: ‚Der erste Donauschwabe beim Papst‘. Wehmütig lächelte ich und fügte hinzu: ‚Nicht ich, sondern durch mich war mein ganzes Volk beim Papst und bat um Hilfe‘. Die Not unseres heimgesuchten Volkes kam auch durch den Papst der ganzen Welt zu Ohren!“

Aus ‚Leidensweg der Deutschen im kommunistischen Jugoslawien‘, Bd. 3,

 Donauschwäbische Kulturstiftung, München/Sindelfingen 1995

 (Bericht v. Prof. J. Grieser in: ‚Erinnerungen an Palanka‘,

 Pannonia-Verlag, Freilassing 1958)