VERBANNT NACH PALANKA 1941

VERBANNT NACH PALANKA 1941

Erinnerungen von Priester Johann Grieser 1958

 

Palanka! – Schon der Name hat in meinem Herzen einen guten Klang. Es war Palanka, wo vor vielen Jahren meine reiche Tätigkeit einsetzte, wie es auch Palanka war, wo ich das traurige Ende unseres Volkes miterleben musste …

Dieses Bild: durch eine uralte Allee kam man zur Donau, die wie eine gewaltige Weltstraße vor uns lag. Ilok grüßte von der anderen Seite herüber. In Rom traf ich öfters mit dem Besitzer des Schlosses, dem Fürsten Odescalchi, zusammen und auch er bestätigte es mir: Wenn man von der Terrasse des Schlosses die Donau dahinströmen sah und in die endlose Fruchtbarkeit der Batschka schauen konnte, kam einen Palanka wie ein Lieblingslied der Heimat vor, da Natur und Reichtum kaum einen anderen Marktflecken so begünstigten, wie eben unser liebes Palanka.

 Ja, so war mir Palanka von der ersten Begegnung her ein Erlebnis. Ich musste Werbaß verlassen und wurde nach Palanka „strafversetzt“. Dass ich an der Deutschen Lehrerbildungsanstalt nicht alles schlecht machte, zeigt mir die Anhänglichkeit aller von damals auch heute noch. Aber einen Fehler hatte ich: ich dachte deutsch. Und das nahm man mir übel. Als die Ungarn die Batschka 1941 besetzten, musste ich die Lehrerbildungsanstalt von Werbaß mit der Bürgerschule von Palanka vertauschen. Nebenbei sollte ich die Seelsorge von Alt-Palanka übernehmen und der alte Dechant, Pfarrer Peter Weinert, mein „Kerkermeister“ sein.

 Jetzt noch sehe ich im Geiste meine Mutter weinen, als sie mir in Werbaß half, zusammenzupacken. Es schien, als ob nun mein Ende vor mir stünde. Auch sie, mit anderen zusammen, konnte es nicht begreifen, dass man so versetzt werden kann. Kaum aber hatten wir uns in Alt-Palanka eingerichtet und mit einigen Menschen von da Fühlung bekommen, spürte ich bald: Palanka kann kein Strafposten sein! Und wegen Werbaß wusste ich auch meine Zöglinge, die zukünftigen Lehrer unseres Volkes, in guten Händen.

Es wird nicht viele Pfarrhöfe in der ganzen Batschka gegeben haben, wo man sich so daheim fühlen konnte wie im Hause des Dechanten Weinert. Er selber kränkelte seit langem. Natürlich war er ein Kind seiner Zeit und konnte aus seiner Haut nicht heraus. Er wurde im magyarischen Geiste erzogen und auch in seinen alten Tagen lebte er aus diesem Geiste heraus. Ungarn war sein Vaterland, er dachte ungarisch; dass er ein ‚Schwabenbüberl’ aus Tschonoplja war, das verleugnete er nie. Aber Priester war Weinert durch und durch.

Ich unterrichtete z. B. in der Bürgerschule Religion in drei Sprachen, da ich verschiedene Nationen hatte. Die Kinder konnten noch nicht ungarisch, und damit sie die Religion richtig mitbekommen, erklärte und fragte ich jeden in seiner Sprache, was an einer ungarisch- staatlichen Schule fast einem Verbrechen gleichkam. Man zog mich zur Rechenschaft – in Schutz nahm mich Dechant Weinert! Er besaß eine große Seele und ein gütiges Herz, leider hatte er nicht immer die besten Ratgeber. Ich kann mich auch nicht entsinnen, dass wir zwei jemals einen Streit gehabt hätten … wir fuhren eigentlich stets gut miteinander, indem jeder den anderen so gelten ließ, wie er eben war.

 

Alt-Palanka, Neu-Palanka, Deutsch-Palanka

 

Von den 13134 Einwohnern der drei Schwestergemeinden waren 7365 röm.-kath., überwiegend deutschsprachig, 4453 griechisch-orthodox, das waren unsere Serben oder ‚Raaze‘, wie sie volkstümlich genannt wurden.

Dann hatten wir noch 1085 Protestanten, beider Bekenntnisse, von welchen in Alt-Palanka allein 732 wohnten, meist Slowaken. Es wohnten noch 227 Juden, hauptsächlich in Batschka-Palanka (= Deutsch-Palanka) und auch einige wenige Ungarn und Kroaten.

 

   Das Steckenpferd von Bischof Budanovic war, alle großen Pfarreien zu teilen. Im Jahre 1920 kam es zur ersten Teilung, indem Neu-Palanka zum selbstständigen Administrationsposten ausgebaut wurde. Mit dem Bau der großen Kirche in Neu-Palanka (1906-1910) hatte man früher begonnen.

Bescheidener Anfang

  

Die erste Kapelle in Alt-Palanka entstand so, dass man die Zwischenwand zweier nebeneinander liegender Schulräume entfernte, alles neu anstrich, einen Altar aufstellte und diesen weihte. Es fand dort jeden Tag ein Gottesdienst statt. An Sonntagen wurde deutsch und ungarisch gepredigt, oder zumindest das Evangelium in diesen Sprachen verlesen, was man an großen Feiertagen eventuell auch noch in kroatischer Sprache tat. Der Großteil der Palankaer Ungarn waren doch „béresek“ ( landwirtschaftliche Arbeiter auf den Meierhöfen ) und wohnte in Alt-Palanka. Und diesen wollte man entgegenkommen. Die wenigen Ungarn aus sogenannten besseren Kreisen gingen nach wie vor hier in die „obere (Antonius-) Kirche“. Anders wurde das, nachdem die Ungarn die Batschka besetzten. Man war mit Alt-Palanka nicht mehr zufrieden, sondern forderte in der Hauptkirche einen ungarischen Gottesdienst, welchen man ihnen um 9 Uhr auch an jedem Sonn- und Feiertag einräumte. Somit war Alt-Palanka entlastet, da nun alle Ungarn fast demonstrativ in die obere Kirche, d. h. nach Batschka-Palanka gingen. Diese Situation fand ich schon vor und trug zu dieser Entwicklung überhaupt nichts bei, war aber froh, dass sich alles so gestaltete. Da es nur wenig Kroaten gab, wurden alle Gottesdienste in Alt-Palanka deutsch gehalten. Es freuten sich auch die Ungarn, denn sie hatten erreicht, was sie angestrebt hatten.

Einen klugen Rat gab mir Dechant Weinert gleich bei meinem Antritt, indem er mir empfahl, mich ja mit meinen Nationalitäten in Alt-Palanka gut zu stellen. Er dachte da besonders an die Slawen. Das leuchtete mir auch ein. Wenn man bedenkt, dass von 5626 Einwohnern von Alt-Palanka nur etwa 789 Nichtserben und Katholiken waren, so war die Bedeutung des guten Rates klar. Als erstes besuchte den Klerus anderer Konfessionen und versuchte auch mit einzelnen Volksgruppenköpfen Fühlung aufzunehmen, was auch gelang. Ausgezeichnet gelang das mit den Serben, und nach so vielen Jahren muss ich sagen: ich möchte die vielen guten Bande zu ihnen in meinem Leben nicht missen, da ich damals unter ihnen ganz herrliche Menschen kennenlernen durfte.

 

Die „Hitlerkirche“ zum Hl. Antonius

 

So nannte man meine Kirche und mich natürlich den „Kulturbundpfarrer“. Das gefiel mir nicht schlecht, weil ich genau wusste, dass sich meine Widersacher auf diese Art und Weise selber das Grab schaufeln. Wer mich kannte, wusste, dass ich genau so das Evangelium Jesu predige, wie alle anderen. Und dass die eingefleischten Nationalsozialisten auch zu mir nicht in die Kirche kamen, konnte jeder genau sehen …

Aber es bleibt eine geschichtliche Tatsache, dass mit jedem Sonntag immer mehr Leute nach Alt-Palanka in die Kirche kamen. Auch sprach sich blitzartig herum, dass ich von Werbaß nach Palanka „strafversetzt“ worden sei, was für mich damals nur eine Empfehlung war – dazu kam noch etwas, womit man weniger rechnete: meine Predigten „zogen“ und trugen wesentlich dazu bei, dass mein Kirchlein stets überfüllt war.

Gerne gestehe ich es ein, dass ich in Alt-Palanka auch schwache Stunden hatte und ich verlor allmählich den Mut. Die Masse Volk schüchterte mich ein. Und da es von Sonntag zu Sonntag unheimlichen wurde, dachte ich daran, um Versetzung anzusuchen,     

Ich wurde von allen Seiten bespitzelt. Einige Mitglieder vom „Marienbund“ kamen stets zur Predigt, aber wie die Pharisäer zur Zeit des Herrn „damit sie ihn in der Rede fangen“. Die Staatsmacht tat das gleiche, und wie oft zeigte man mich an! Dechant Weinert kam alles zu Ohren und sagte nichts, was mich beruhigte. Wenn ich einen prinzipiellen Fehler begannen hätte, hätte er mich amtshalber mahnen müssen. Da er das niemals tat, wusste ich mich doch im Recht, denn auch ich wollte nichts anderes, als Palanka zu Christus führen.

Es ergaben sich die unmöglichsten Situationen. Kaum ein Sonntag, dass nicht an die tausend Menschen bei mir in der Kirche waren. Natürlich standen die meisten im Hof … 

Das ging im Sommer, was aber machen wir im Winter, musste ich mich fragen. Diese meine Sorgen klagte ich Kaplan Merkl und machte die Bemerkung: „Es wird wohl das beste sein – ich gehe!“ Da schaute er mich groß an und sagte: „Du Esel, nicht weggehen, sondern dableiben und bauen!“ Ich wurde bleich, hörte aber damals zum ersten Mal, dass schon Jahrelang fertige Pläne für den Neubau da wären, nur wagte sich niemand daran …

Zu meiner großen Verlegenheit trug noch bei, dass zu diesem Gespräch auch Dechant Weinert dazukam. Merkl setzte ihn ins Bild. Ohne ein Wort zu sagen, verließ uns der alte Herr, kam bald mit den Plänen zurück und legte mir diese lächelnd auf den Tisch. Herrliche Pläne! Ich befand mich in einer Verlegenheit und fürchtete jetzt einen Sturm. Automatisch schoss mir durch den Kopf: Der Dechant muss doch alles Gerede um mich und mein Kirchlein wissen! – Väterlich lächelnd sagte er aber: „Wenn Sie es wagen, an den Bau heranzutreten, freue ich mich, denn gebaut werden muss mal!“

 

Was sagten die Serben dazu?

 

Wenn man bedenkt, dass wir Katholiken in Alt-Palanka eine Minderheit waren, so ist es klar, dass wir auch auf die Mehrheit Rücksicht nehmen mussten. Ich nahm Fühlung mit dem serbischen Klerus und war erbaut, wie selbstlos er dachte. Was aber werden die Ungarn zu allem sagen?

Nach langer Sedisvakanz bekam Kalocsa damals endlich einen Oberhirten in der Person des Erzbischofs Josef Grösz. Bei seiner Installation musste ich den Dekan vertreten und mit mir stießen sich viele an einem Wort seiner Inthronisationsrede. Er sagte: „Nur ein guter Ungar kann auch ein guter Katholik sein!“ Viele deutsche Kapläne waren auch dabei und waren nicht wenig verlegen. Im nächsten Verordnungsblatt war die ganze Antrittrede des Erzbischofs als erstes Hirtenwort zu lesen, die dann auch von allen Kanzeln verkündet werden musste. Ich übersprang diesen Satz, und schon drei Tage nachher wurde ich zum damaligen Erzbischöflichen Kommissar Mons. Dr. József Ijjas, der seinen Sitz in Szabadka (Subotica/Maria-Theresiopel) hatte, zitiert. Man hatte mich mal wieder angezeigt. Vor meiner Reise ging ich zum Dechant und erklärte ihm, dass ich nicht nach Szabadka zu fahren gedenke, um mich zu rechtfertigen, sondern entschlossen bin, nach Kalocsa (Kollotschau) selbst zu fahren. Ich tat das, war auf alles gefasst, fand aber dort recht vernünftige Vorgesetzte. Ich fand dort mit meinem Anliegen Gehör und Verständnis, ja mehr noch: als über den Neubau die Rede kam, sagte Erzbischof Grösz, er müsse nächste Woche amtlich nach Ujvidek (Novi Sad/Neusatz) und würde dann bei mir vorbeikommen. Das war viel zu viel! Und begleiten musste ihn ausgerechnet Dr. Ijjas, sein Kommissär. So kam der junge Erzbischof  ausgerechnet zu uns nach Alt-Palanka. Dieser Besuch wirkte auf die mir feindselig eingestellten Ungarn so schockierend, dass ich von da an Ruhe hatte.

Damals lernt ich zwischen den Ungarn zu unterscheiden. Es gab unter ihnen gute und vernünftige, genau so wie bei anderen Völkern überall auch. Zu diesen Ereignissen muss ich noch einige Hinweise geben. Als bekannt wurde, dass gebaut wird, brach in Palanka ein Sturm der Begeisterung los. Man staunte oft, dass ich nicht sammeln gehe, ich hatte aber stets Geld genug. Ich bekam auch von vielen Serben namhafte Beträge und am Tag des Hl. Antonius konnte man oft auch manchen Serben beim Hochamt sehen. Vom Anfang an war mit dem Antoniuskirchlein auch eine Wallfahrt geplant und die hätte sich mit der Zeit sicher gut entwickelt, wenn uns die Heimat nicht verlorengegangen wäre.   

 

Ehrenmitglied des Sportvereins

 

Der Sportverein war für die Serben von Alt-Palanka alles, was von Jugoslawien übrig blieb (nach dem Einmarsch der Ungarn). Was Wunders, wenn sich in diesem Rahmen auch alles sammelte. Sonntagnachmittags strömten alle auf den Sportplatz. Ich kannte die wahre Situation nicht, sondern schaute mir auch gerne mal ein gutes Fußballmatch an. So kam es, dass ich mich eines Tages Pfarrer Marcikic anschloss und mitging, ohne mir bewusst zu sein, was ich damit anrichtete …

Von jenem Tag war ich bei den Serben „der gemachte Mann“. Wehe, wenn es einer gewagt hätte, mich zu beleidigen. „Nas je covek“ sagte man von mir.

Eines Tages überreichte man mir die Ehrenurkunde des Vereins. Das Herz der serbischen Jugend, besonders der studierenden, gehörte ab damals auch mir. So unter der studierenden Jugend, wie auch unter den biederen Bauernburschen lernte ich wunderbare Menschen kennen. Dass mich ausgerechnet einer von diesen verhaften musste, war mehr als ein Glück für mich.

 

„Griesers Lieblinge!“

 

Es gab in Palanka einen gut geführten Gesellenverein und einen Bauernbund, wie auch den Kulturbund. Alle diese Vereinigungen hatten große schöne Räumlichkeiten zur Verfügung. Es gab aber damals kein Terrain, wo alle ungehindert zusammenkommen konnten, ohne sich irgendwie etwas zu vergeben. Wo sich die Jugend aus allen Kreisen traf, war Alt-Palanka. Unsere Kirche und mein Heim wurde das Zuhause der Jugend. Es war nicht selten, dass nach einem Sonntagsgottesdienst 60-80 Jugendliche meine Wohnung stürmten. Jetzt noch bewundere ich meine damalige Köchin, die Kathibäsl, mit welcher Geduld sie stets alles in Ordnung brachte. Von selbst gestalteten sich Gruppen: Studenten, Handwerker, Bauern. Viele von diesen leben nicht mehr, mit Tränen in den Augen gedenke ich ihrer! Viele werde ich im Leben nicht mehr sehen: aber alle waren sie bei mir zuhause.

„Griesers Lieblinge!“ Und das waren die Lehrbuben. Gott möge mir diese Sünde verzeihen! Neben der staatlichen Bürgerschule musste ich auch noch den Religionsunterricht in der Lehrbubenschule übernehmen. Gerade unter diesen rauen und unfertigen Menschen fühlte ich mich in meinem Element. Es ging damals fast die ganze Jugend von Palanka durch meine Hand. Die vielen Stunden mit ihnen, gehören noch heute zu meinen schönsten Seelsorgererlebnissen.

Nur ein Andenken besitze ich noch: ein Photo von einer Schneeballschlacht, die mir die Schuhmacher-Studenten einmal im Hofe lieferten, wobei mir Herdt Franzl und andere assistierten. Für nichts in der ganzen Welt gebe ich dieses Photo aus der Hand, so teuer ist es mir – ein Andenken an unser Daheim in Palanka.

 

„Caritas sozialis“

  

Es gab in Palanka außerordentlich gut situierte Menschen und, was wichtiger ist, auch sehr viele gute Menschen. Das fand ich anderswo in diesem Ausmaße nicht vor.

Lange zögerte Kaplan Merkl, dann aber wagte er es doch und gründete die Caritas sozialis, einen Frauenbund, welcher monatlich einmal weltanschaulich geschult wurde, sich aber zur Aufgabe setzte, die Not der Armen nicht nur aufzuspüren, sondern auch zu lindern.

Nachdem er nach Apatin versetzt wurde, bekam ich die Leitung dieser Runde anvertraut und dadurch bekam ich Einblick in das gute Herz von Palanka: Wir versorgten alle Armen. Alle bekamen täglich ein Mittags- und Abendessen, ohne dass man in Palanka davon redete. Und die Seele von allem war Schneider Liskaneni.

Vielleicht bietet sich mir jetzt die beste Gelegenheit dazu, den Männern von Palanka zu verraten, wie viel Gutes ihre Frauen taten. Für Wohltätigkeitszwecke zogen wir die größte Tombola auf, die je stattgefunden hatte. Damals kamen für unsere Armen Riesensummen zusammen. Dies brachte mich fast außer Rand und Band und heute bin ich auf das Palanka von damals noch stolz.

In meiner Predigt verwendete ich die Worte des großen Schwaben, des hl. Albertus Magnus: „Wer einem Mitmenschen in seiner Not entgegenkommt, hat mehr geleistet, als eine, der von Köln bis Rom an jedem Meilenstein eine Kirche baut aus purem Gold … Christus starb nicht für die Kirchen, wohl aber für den notleidenden Menschen.“                 Alle Armen von Palanka wurden reichlich versorgt.

 

Mein Sprungbrett in die Welt

 

Ich habe noch immer kein richtiges Zuhause und scheinbar werde ich das auch nie haben.       Sesshaftigkeit liegt mir auch nicht mehr … Mein Zuhause ist die große Welt und „wie ein Zigeuner des lieben Gottes“ bin ich stets auf dem Wege und spreche fast jedes Jahr zu vielen Tausenden Menschen allüberall (siehe „Festprediger in Kanada und USA“, unten).

Diesen Weg in die weite Welt begann ich eigentlich schon als ich von Palanka aus Exerzitienkurse in Werbaß, Neusatz, Sentiwan, Apatin usw. hielt. Es war Hw. Paul Wagner aus Palanka, der damals Kaplan in Stanischitz war und mich zu einer religiösen Jugendwoche einlud. Palanka war das Sprungbrett und ein Palankaer die Triebfeder, daher war Palanka in meinen Gebeten – auch wenn ich in Lourdes, Rom, Fatima, Einsiedeln, Jerusalem war.

 

Palanka zerfällt

 

Wer kann es bezweifeln, dass Palanka zu den schönsten und reichsten Gemeinden gehörte. Die Hauptstraße hatte Stadtformat. Gutgeführte Geschäfte, angesehenes Handwerk, Handel und Industrie, ein kultiviertes Bauerntum waren. Je mehr sich aber die Deutschen von den Fronten zurückzogen, umso düsterer wurde es auch bei uns. Viele dachten an die Flucht und manche hatten auch schon gepackt …

„Was soll man machen?“ war die Tagesfrage, die sich alle stellten – auch ich!

Als bereits Scharen Flüchtlinge durch Palanka zogen und auch von uns schon viele abgewandert waren, kamen etwa 30 Serben zu mir und baten mich zu bleiben. Ich war gerührt und nahm den angebotenen Schutz an. Es war beruhigend zu wissen, ein Volk steht zum Schutze bereit. Gleich nach dem Zusammenbruch kam ein Serbe und empfahl, mich 14 Tage nicht auf der Straße sehen zu lassen … Wie gut war dieser Rat!

In der Woche vor Christkönigsonntag 1944 wurden die ersten Menschen zusammengefangen. Damals geschah es auch, dass man Hw. Karl Unterrainer auf der Straße, auf dem Wege von seiner Wohnung zur Kirche, verhaftete – und er kam nicht mehr zum Vorschein. Von diesen Opfern könnte das Bezirksgericht und der Akazienwald mehr sagen als wir … Ob wir je ermitteln können, was damals an Grausamkeiten begangen wurde?

Zuerst waren es die Bulgaren, die in großen Massen durch Palanka strömten und auch zeitweise im Dorf selbst Halt machten. In den leeren Häusern hausten sie; das Kommando war in der Bürgerschule. Ein Teil der hohen Offiziere wohnte auch im Pfarrhofe. Damals hielt ich mich meistens im Pfarrhof von Batschka-Palanka auf und hatte reichlich Gelegenheit, mit den Offizieren und Soldaten beisammen zu sein. Diese Menschen hatten Disziplin und waren ‚alles nur keine Kommunisten‘. Damals traf ich auch mit dem letzten Adjutanten des Bulgarischen Zaren zusammen und, bulgarische Hofzigaretten rauchend, erlebten wir viele Stunden und – bauten politische Luftschlösser!

Man sagte, alle Bulgaren zögen nach Westungarn. Nach ihnen kamen Russen und bald wehte ein anderer Wind. Auch das waren im Allgemeinen gute Menschen, aber wehe, wenn sie betrunken waren! Ich will die Gräuel und Verbrechen lediglich andeuten, die von den Russen an Frauen und Mädchen begangen wurden, als sie die Kellereien in Ilok entdeckten … Bis zur Bewusstlosigkeit tranken sie sich an und hausten verheerend, aber nur eine Nacht! Im Rausch schossen sie die fürstlichen Fässer an und wateten knietief im Wein, was insofern gut war, da wir nun wieder Ruhe hatten.

 

Ein Kuss von einem Russ`

 

Wie in einem Ameisenhaufen, so schwärmte es überall von Russen. Auch im Dechant-Pfarrhof hausten ihrer zehn und wir erlebten allerhand. Einer der Kommandanten war ein netter Kerl; wir freundeten uns an.

Eines Tages, als ich die hl. Messe las, hörte ich, dass vorbeiziehende Russen auf einmal Halt machten. Die Kirchentür ging auf, Soldatenstiefel näherten sich dem Altar. Alle wurden kreideblass, denn man sagte, vor einigen Tagen hätten sie den Pfarrer von Wekerle vom Altar weg geschleppt. Was tun? Ich schaute um und erkannte meinen Freund Alex, der sich mir fluchend näherte und polternd erklärte, er suche mich schon in ganz Palanka. Wutschnaubend äußerte er seinen Unwillen darüber, dass sie nun weiterziehe müssen … Auf einmal hauchte er weich: „Ich konnte doch Palanka nicht verlassen, ohne Adieu zu sagen!“ Er umarmte mich, gab mir rechts und links einen Kuss und verschwand … So ein ‚osculum pacis‘ ist in der  römischen Liturgie zwar nicht vorgesehen und es passte auch nicht zum Gottesdienst, aber erfreut und erschüttert hat es mich doch. Und der Herrgott hatte daran sicher auch ein Gefallen.

Solange die Bulgaren bei uns waren, fühlten wir uns irgendwie geborgen. Als die Russen kamen, gab es Szenen, wie ich sie mit Ilok angedeutet habe. Unser Kreuzweg aber begann, als alle Besatzungstruppen weg waren und die Partisanen nun ruhig machen konnten, was sie wollten. Unser ganzes Volk wurde zum Freiwild roher Menschen. Ich muss aber auch bestätigen, dass der Großteil der Serben mit uns litt, aber keiner konnte zu unseren Gunsten etwas tun. Wir waren dem Hass und der Ungnade eines Untermenschentums preisgegeben. Es begann der ‚Kalvariengang‘ eines Volkes, wie es solche in der Geschichte nicht viele gab. Die Evakuierung von Neu-Palanka erlebte ich aus nächster Nähe. Um 2 Uhr nachmittags wurde ich auf Fluchen und Weinen aufmerksam. Durch das Fenster sah ich den ersten Menschenstrom an mir vorbeiziehen.

Ich begab mich auf die Straße und sah das ganze Schauerbild. Männer, Frauen, Kinder, alles zu Fuß, mit einem Bündel auf dem Rücken, zogen sie an meiner Kirche vorbei und kamen nie wieder zurück. Ich blieb stehen und erteilte nach allen Richtungen den Segen und tröstete, bis mich die Partisanen in meine Wohnung wiesen. Die Partisanen sagten damals, Neu-Palanka sei in großer Gefahr, da in Ilok noch Deutsche wären, und darum müsse es evakuiert werden … Wer aber glaubte das?!

Später kam auch ich an die Reihe. Auf dem Hotter, am Ende von Alt-Palanka, traf ich mit den Schwestern des Klosters zusammen. Das Volk wurde abtransportiert, uns aber führte man in das Bezirksgericht. Dort war mit Kaplan Eichinger von Gajdobra und den Schwestern Lorantha, Caecilia, Aurea, Andresia eingesperrt. Nach 2 Tagen kamen wir in die OZNA von Neusatz, wo mich „meine Serben“ aus Altpalanka herausholten und so kam ich am Abend des 6.12.1944 wie ein „Nikolo“ heim, wo ich noch einige Zeit bleiben konnte, bis man uns wieder verhaftete.

 

Die Flucht um Mitternacht

 

Selten ging ich in meinem Leben vor Mitternacht zur Ruhe, da ich aber müde war, begab ich mich früher in mein Schlafzimmer und schlief auch bald ein. Ich wachte auf, da vor meinem Zimmer ein Wagen anhielt. Aus dem Bett springend, sah ich durch die Gardinen Partisanen vom Wagen steigen und als der erste an meinem Tor pochte, war ich schon auf und davon … Im Schlafanzug sprang ich durch die Gärten und landete auf der Hauptstraße! Im Galopp erreichte ich den Pfarrhof von Batschka-Palanka. Damals glaubte auch ich, alles sei nur eine Frage von Tagen und von irgendwoher müsse doch Rettung kommen. Als ich läutete, öffnete mir Fräulein Margit, eine Nichte des Dechanten, die seinen Haushalt versah. An ihren verweinten Augen sah man, dass auch da was passiert war: Der Herr Dechant war bereits verhaftet. Kaplan Wildinger bot mir Kleider an, da ich ja im Schlafanzug geflüchtet war. Kaum hatte ich den letzten Knopf an meinem Talar zugeknöpft, polterten die Partisanen fluchend in den Pfarrhof herein. Es gab keinen Ausweg mehr. Ich war verhaftet.

Auf dem anschließenden Weg nach Alt-Palanka ging ich allein mit dem Kommandanten der Gruppe. Das war ein guter Bekannter von mir, der sagte: „Hättest Du doch wenigstens das Bett zurecht gemacht! Als die ‚drugari‘ spürten, dass das Bett noch warm war, bestanden sie auf Deiner Verfolgung“. Er musste mich suchen! – Ich aber war froh, dass mich gerade er verhaften musste. Denn nun wusste ich, dass mir jetzt nichts Besonderes geschieht. Ich kannte diesen herrlichen Menschen und wusste, dass er alles tun würde, um mir Erleichterung zu schaffen. Als wir nahe bei meiner Alt-Palankaer Wohnung angekommen waren, erkannte ich auf dem Wagen den alten Dechanten, der fröstelnd, von Partisanen umgeben sein Schicksal trug. Ich durfte nochmals in die Wohnung, wobei mich der Kommandant alleine begleitete. Was ich wollte, durfte ich mitnehmen. Am Ende fragte mich mein ‚Freund‘, ob ich noch einen Wunsch hätte. Er möge mich nochmals in die Kirche führen, bat ich. Dort nahm ich das Allerheiligste zu mir und als ich die ‚Ewige Lampe‘ auslöschen wollte, sagte er: „Lass das Licht brennen, bis es von selbst verlöscht, zum Zeichen, dass Gott da auch einmal gewohnt hat!“ Auch ihm standen die Tränen in den Augen. Er bat mich um Verzeihung, dass er mich verhaften musste.

Es ging Neusatz zu. Unterwegs blieben wir in Tscheb stehen, wo man auch Pfarrer Johann Nuspl mitnahm. In Neusatz angekommen, sahen wir bald, dass an diesem Morgen etwa 10 Priester in das Lager eingeliefert wurden. Ich konnte mich gerade noch von meinem serbischen Freund, der mich verhaften musste, verabschieden und schon schloss sich hinter uns das Lagertor: wir waren nur mehr Nummern im gewaltigen Katalog der Lagerverwaltung.

Dechant Peter Weinert stirbt

 

Unsere neue Heimat war nun die gewesene Papierfabrik von Neusatz, wo tausende Frauen und Männer wie Heringe zusammengepfercht waren. Es war niederschmetternd. Alte und Kranke lagen im Hof auf dem Stroh und warteten auf den Tod. Wollte einer von uns Priestern zu ihnen, so jagte man uns davon.

Die erste Zeit hatten wir Hausarrest. Wir hatten das Holz für die Lagerküche zu versorgen. Einige von uns schnitten, wieder andere brachten Holz … So auch Dechant Weinert, welcher lange Zeit auch noch den gewaltigen Lagerhof zu kehren hatte. Wir lachten oft, denn er tat es mit einer gewissen Würde.

Eines Tages aber merkte man den Verfall seiner Kräfte. Sonst war er stets wohlauf und niemals verzagt. Wir litten in der ersten Zeit große Not. Es gab nur hauchdünne Suppen und ein Stück Kukuruzbrot. Dieses Brot war der Tod von vielen und daran ging auch der ohnehin schon kränkliche Dechant zugrunde. Als wir bessere Nahrung herein schmuggeln konnten, war es zu spät. Er bekam die Ruhr und konnte sich nicht mehr erholen. Wenn es ging, hielt ich mich in seiner Nähe auf. Auch Pfarrer Nuspl bemühte sich besonders um ihn. Er war es, der sich buchstäblich in die Stadt gestohlen hatte, wo er das Altarsakrament und das hl. Öl für den Sterbenden besorgte. Beides bekam der letzte Dechant von Palanka, Probst Peter Weinert. Er starb bald darauf ruhig und gottergeben, wie er auch stets gelebt hatte. Die Leiche kam nicht in ein Massengrab. Sie wurde ausgefolgt und auf dem Neusatzer Friedhof aufgebahrt und unter einer Riesenbeteiligung in der Gruft des letzten Abtes von Neusatz, Franz Fath, beigesetzt … Von uns durfte am Begräbnis niemand teilnehmen. Als aber alle Glocken der Stadt zu läuten begannen, wussten wir, dass der gute Dechant begraben wird.

Nachdem Dechant Weinert bei mir seine letzte Beichte verrichtete, bat er mich, alle seine Gläubigen nochmals zu grüßen. Diesen Wunsch kann ich erst jetzt erfüllen, indem ich allen versichere, dass dieser Mensch uns alle selbstlos liebte. Alles, was ich von ihm sagte, sei ein stilles und bescheidenes Monument über seinem Grabe.

 

Palanka, ade!

 

Mit diesen Schilderungen hört mein Bericht über Palanka auf, da auch dieses längst schon aufgehört hat. Nach dem Sterben des Dechanten wurden auch die Priester zu öffentlichen Arbeiten in der Stadt herangezogen. Nur die ganz Alten schnitten und hackten auch weiterhin das Holz für die Küche dort im Lager. Ich wohnte sogar einmal über einen Monat in der Stadt, wo wir Rohhäute einsalzen und sortieren mussten …

Dann arbeitete ich eine Zeitlang bei Russen und gerade dort organisierte ich, „meine Flucht“, die von einem der Russen wesentlich unterstützt wurde.

 

Inzwischen kam ich weit in der Welt herum, aber jedes Mal, wenn ich an den Donaustrom komme, sende ich mit den auch an Palanka vorbeiströmenden Wassermassen stets Grüße mit an die Toten auf unseren dortigen Friedhöfen.

 

Prof. Hans Grieser, Haiming in Tirol

(aus: ‚Erinnerungen an Palanka‘, Pannonia-Verlag, Freilassing 1958)

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