Aus dem Tagebuch von Kaplan Sebastian Werni 1944

Aus dem Tagebuch 1944 vom damaligen Koluter Kaplan Sebastian Werni aus Filipowa

Sebastian Werni (1912-1987) wirkte in den Jahren 1943-44 in Kolut als Religionslehrer und war, gemeinsam mit Ortsleiter Altseimer, Treckführer einer Flüchtlingskolonne von 168 Pferdewagen, die am 8., 9. und 10. Oktober von Kolut aufgebrochen war. Der um seine Schüler sehr bemühte – auch nach Unterricht (Vorbereitung zur nächste Schulstufe in Ferien) – und beliebte Kaplan Werni durfte sein Gepäck unter anderem auf den Wagen von Familie Mayer (Kolut Nr. 192) laden. Er selbst fuhr die nächsten Monate über Ungarn, Österreich und Mähren bis Schlesien (Münsterberg und Umgebung) im, vor oder hinter dem Treck… auf dem Fahrrad!

Der in Filipowa/Bački Gračac geborene und nach dem 2. Weltkrieg in Wien mit Frau und zwei Söhnen lebende Hofrat Dr. Sebastian Werni führte in der für die Donauschwaben so schweren und schicksalsvollen Zeit ein Tagebuch. Nachstehend einige kurz gefasste Auszüge     (Anm.: heute* = vor 1980 geschrieben!) von den Ereignissen bis Dezember 1944:

21. September:

In Kolut kamen die ersten 80 Pferdewagen mit Flüchtlingen aus dem Banat       südlich von Temeschwar an. Sie übernachteten hier und zogen dann weiter. –    Die große Tragödie der Donauschwaben nahm ihren Lauf.

05.Oktober:

In der Gebietsführung in Sombor fand eine Sitzung der Ortsleiter aus den deutschen Gemeinden statt.
Ergebnis: „Das Nötigste packen und zum Abzug bereit machen!“

06. Oktober:

Schreckensmeldung: „Die Russen sind schon in Betschkerek und Pantschowa.“

08. Oktober:

Kuriernachricht aus Sombor: „Sofort abfahren!“ Die erste Koluter Wagenkolonne fuhr spät am Abend weg. Ich gab auf zwei Wagen Gepäck von mir mit.

09. Oktober:

Zur Erkundung der Lage fuhr ich am Vormittag mit dem Fahrrad über Bezdan zur Donauüberfuhr (nach Batina). Viele Flüchtlingstrecks überquerten schon hier die Donau. Volksgruppenführer Sepp Janko (heute* in Argentinien) war da auch zu sehen. Am Nachmittag fuhr ich den Kolutern nach, holte sie bei Bátmonostor (vor Baja) ein und fuhr dann wieder zurück nach Kolut.

10. Oktober:

Griesers fuhren auch weg, ebenso die Familie von Franz Sayer (heute* in New York). Im Heim warteten noch immer einige Koluter Familien (ohne Fuhrwesen) auf den Abtransport. Landsmann Getto und ich bemühten uns intensiv um Transportmöglichkeiten für sie. Viele Banater fuhren durch, auch Batschkaer.

13. Oktober:

Neben anderen kamen am Nachmittag viele Filipowaer an, unter ihnen ein Onkel und zwei Tanten von mir, denen ich ebenfalls noch etwas Gepäck (vor allem Bücher) mitgab.

14. Oktober:

Die Leute vom Heim waren inzwischen ebenfalls schon weggekommen. So fuhr auch ich um 9 Uhr mit dem Fahrrad von Kolut Richtung Baja ab, nachdem ich nochmals kurz in die Kirche gegangen war und vom Herrn Pfarrer Belt Abschied genommen hatte. Adio, liebe, gute, unvergessene alte Heimat!

15. Oktober:

In Baja fuhr ich über die Donau. In Bátaszék war große Aufregung wegen des Horthy-Putsches. Die Deutschen griffen aber blitzartig durch und die sogenannten ‚Pfeilkreuzler‘ unter Szálasi übernahmen in Budapest die Regierungsgewalt. –     Die Front hatte sich auch etwas stabilisiert.

01.November:

In der Zwischenzeit war ich nach Ödenburg/Sopron und Wien gefahren. In Ödenburg telefonierte ich mit der Volksbund-Kreisleitung in Veszprém und erfuhr, dass sich die Koluter in Bánd bei Veszprém befanden – wo ich am nächsten Tag auch eintraf.

05. November:

Die Koluter Kolonne verließ Bánd Richtung Westen. Die Wagen wurden der leichteren nächtlichen Unterbringung in zwei Gruppen aufgeteilt. Eine führte Landsmann Altseimer weiter und eine wurde von mir übernommen. Ich fuhr immer am Nachmittag mit dem Fahrrad voraus und traf Vorsorge für die oft gar nicht leichte Unterbringung über die jeweils kommende Nacht.

07. November:

Paul Fischer verunglückte tödlich und wurde in Szil bei Pápa begraben.

14. November:

Bei Ödenburg wurde die Grenze nach Österreich überschritten. Erste Station in Österreich war Großhöflein im Burgenland.

15.-20. November:

Die nächsten Raststationen waren Ebenfurth, Weigelsdorf, Ebreichsdorf, Unter-Waltersdorf. Hier haben wir einige Tage gewartet, nachdem endgültig entschieden wurde, dass die Flüchtlingskolonnen aus der Batschka nach Schlesien geleitet werden sollen. Für diesen Zweck wurde die Errichtung einer Pontonbrücke über die Donau bei Hainburg in Aussicht genommen, damit die Wiener durch den Durchzug der Flüchtlinge nicht beunruhigt werden. Daraus ist aber nichts geworden. Wien wurde südlich und westlich umfahren. Große Probleme verursachte nicht nur die Verpflegung der Leute, sondern auch die Futterversorgung der Pferde. Vor der Weiterfahrt der Wagenkolonne wurden hier bereits rund 250 Koluter per Bahn Richtung Schlesien abgeschickt.

07. Dezember:

Nach einer mehrtägigen, sehr schweren Gebirgsfahrt über St. Pölten, Tulln (über die Donau), Stockerau, Korneuburg, Nikolsburg (wo wieder ein Teil der Koluter einwaggoniert wurde), Mödritz und Grulich kam der Rest in Glatz an und wurde dann nach Münsterberg und Umgebung dirigiert, wo sich schon die meisten der schon früher dort angekommenen Koluter befanden.

15. Dezember:

In Breslau gab es eine Besprechung mit der Batschkaer Gebietsführung des Volksbundes / Kulturbundes (Gebietsführer Spreitzer), die sich ebenfalls nach Schlesien abgesetzt hatte. Ergebnis: Für die Betreuung der rund 50.000 nach Schlesien gebrachten Batschkadeutschen wurden einzelne Kreisbeauftragte bestimmt. Ich stellte mich diesbezüglich auch zur Verfügung und mir wurde der Kreis Reichenbach übertragen. Dort waren aber fast keine Koluter, sodass ich den Kontakt mit ihnen in Schlesien leider nicht mehr richtig halten konnte.

18. Dezember:

Mein sozusagen letzter Dienst für die Koluter: In Bärwalde bei Münsterberg übergab ich dem Koluter Gemeindekassier Philipp Fröhlich das von mir in Breslau umgetauschte Gemeindegeld (Pengö gegen Reichsmark) und verabschiedete mich von den Kolutern.

Die verhängnisvolle Odyssee nach Schlesien im Herbst 1944 ist für die Batschkadeutschen, die unsinnigerweise dorthin dirigiert wurden, sehr bald (nach knapp 2 Monaten) infolge des schnellen Vormarsches der Russen mit einer überstürzten Flucht in eine weitere unsichere Zukunft abgeschlossen worden. Ich habe die mir anvertrauten im Kreis Reichenbach weilenden Flüchtlinge (die meisten aus der Süd- und Ostbatschka) alle noch rechtzeitig Ende Feber 1945 – teils mit den noch vorhandenen Pferdewagen und teils per Bahn mit einem Sondertransport – nach dem Westen, bzw. nach Österreich verbringen können.

 

Hofrat Dr. Sebastian Werni, Wien

 

Anm.: Das Koluter Gemeindegeld (s. 18. Dez.) wurde an bedürftige Familien verteilt. Diese Erinnerung und der Bericht wurden von dem Ehepaar Rosalia (geb. Mayer) & Stefan Sax (Kolut Nr.136) in Karlsruhe aufbewahrt. Anton Reppmann verwendete die Aufzeichnung in seinem Buch ‚KOLUT – Heimat, Erinnerung und Mahnung‘ (Schwäbisch Gmünd 1980).

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